Anna, Katharina und Schwester Sorge lesen ein Buch (Herbert Renz-Polster, Erziehung prägt Gesinnung)

 

Gesinnung ist ein komisches Wort, eröffne ich die Debatte mit Katharina und Euphemia, der Schwester Sorge.

Ja, aber bringt es irgendwie auf den Pumkt, findet Katharina.

Steckt das Wort „Sinn“ drin..

Oder Unsinn, ergänzt Sorge.

Wir drei sitzen wieder zusammen im Wohnzimmer unserer Altbauwohnung in Ottensen und haben diesmal keine Törtchen vor uns, sondern Ingwertee und Dinkel Ingwer Kekse. Draußen tob das Tief „Zeynep“ Wir trauen uns nicht auf die Terrasse, weil da schon ein Stück Teerpappe liegt, das vom Dach herunter geflogen ist.

Das Thema ist auch nicht gerade heiter, Untertitel „ Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können.

„Mann Mann Mann, schwere Kost! Und dann noch ein Orkan!“ seufzt Euphemia, genannt Schwester Sorge, und beißt auf einen Ingwer Keks.

„Immerhin erfahren wir, wie wir ihn, also den Rechtsruck, aufhalten können, bin mal neugierig“ Katharina ist, wie immer optimistisch, und vernünftig.“

Ich lese vor: „Wir erleben einen Schock auf Raten. Da steht eine neue Strenge im Raum, ein roher Ton, den wir uns noch vor wenigen Jahren nicht hätten träumen lassen. Worte wie diese von Alexander Gauland sind ein Angriff auf den Anstand: „ Wir müssen die Grenzen dicht machen und dann die grausamen Bilder aushalten. Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen.“ Als Erklärung dient Techniksprech: „Einen Wasserrohrbruch dichten Sie auch ab.“

Sorge schwappt vor Erschrecken der Tee über: „ Flüchtlinge mit Wassermassen gleichsetzen. Das

klingt doch nach Theweleit, wenn von der „roten Flut“ die Rede ist bei den Freikorps, die gegen die Kommunisten gekämpft haben.

Ich nicke und lese weiter:

Er zitiert Donald Trump: „ Ich werde Waterboarding wieder einführen. Und ich werde verdammt viel schlimmere Dinge als Waterboarding einführen.“

Katharina schaut aus dem Fenster. Ja, sagt sie, „Angst und Grausamkeiten liegen nahe beieinander, auf Täterseite.

Und weiter?

Ich schlage ein paar Seiten vor und zitiere:

Diese Geschichte beginnt dort, wo wir Menschen klein und abhängig sind: in der Kindheit. In der Kindheit bildet sich der seelische Maßstab, der entscheidet, mit welcher Gesinnung wir einmal durch das Leben gehen werden. In der Kindheit erfahren wir, ob es im menschlichen Miteinander um Macht und Überlegenheit geht – oder aber um Vertrauen und Zusammenarbeit. „

… „Ich werde darlegen, dass die Kindheit im Grunde ein Tanz um die gleichen Fragen ist, die wir auch in der Politik stellen:

Bin ich sicher? Bin ich anerkannt? Habe ich eine Stimme? Ich werde zeigen, wie an diesen Fragen der Kompass geeicht wird, mit dem wir später die politische Arena betreten..“

„Stark!“ sagt Sorge. Das heißt aber wohl nicht, dass all diese Unmenschlichkeiten mit der schrecklichen Kindheit entschuldigt werden können?

„Nein“, sagt Katharina, natürlich nicht. Als Erwachsene sind wir für unsere Taten verantwortlich, egal wie unsere Kindheit war. „

„Ja ja“ murmelt Sorge, „Wäre ja noch schöner! Es gibt ja Leute, die sagen jetzt, der arme Putin, wird von der Nato umzingelt, da muss er sich ja wehren.“

„Genau“, sagt Katharina „So läuft das natürlich nicht“

Aber hier es geht ja um Gesinnung und die Folgen.

Die Gesinnung, dass man ein Opfer ist oder/und bedroht und deshalb alle mörderischen und grausamen Taten gerechtfertigt oder sogar erforderlich sind.“

„Und wie wir diese menschenverachtende Gesinnung aufhalten, bzw verhindern können,“ sage ich. „Eigentlich geht es nur in der Kindheit.

In der Erziehung, in der Therapie....in der Analyse von Erziehungsstilen, die auch heute noch nicht gewaltfrei sind, und das nicht nur in unteren Gesellschaftsschichten...

„und in der ganzen Welt, besonders auch in den USA, ergänze ich.

In den USA ist es so: „Die Kinder müssen funktionieren...; rund um das Thema discipline – also braves, erwünschtes Verhalten – rankt sich eine schier unüberschaubare Methodologie aus Bestrafungs- Manipulations-, Konditionierungs- und Belohnungsriten.... Leistungsstolz wird gefördert. Sobald ein Kind in der Schule eine Belobigung erhält, fahren seine Eltern garantiert mit einem Aufkleber auf ihrem Auto durch die Gegend: I have a child on the honor roll, mein Kind hat einen Preis bekommen.“

Sorge rollt die Augen: Hier ist es doch nicht viel anders, es zählen nur noch Einser als Abschlüsse, und wer aus der gebildeten Mittelschicht schickt sein Kind noch auf die Stadtteilschule, niemand!

Wie wir es früher gemacht haben, die Kinder auf die Gesamtschulen geschickt, damit diese Schulen eine vernünftige Durchmischung bekommen, und die Starken den Schwachen helfen können. Übrigens dabei eine Menge lernen, einmal den Stoff tiefer beherrschen und natürlich Sozialverhalten ... statt Egoismus.

Genau , sage ich, und zitiere „In den USA - Krankenversicherung für alle? Unmöglich, denn die käme ja auch den 'Verlierern' zugute.“

Nehmen wir die Frage „Meinen Sie, es ist ok, ein Kind zu schlagen? Und erstellen eine Reihenfolge der Bundesstaaten von Alabama (höchste Zustimmung mit 87%) bis Vermont (niedrigste Zustimmung mit 55%) - die ersten 22 Staaten auf dieser Liste gingen alle an Donald Trump.....

Ähnliches gilt für die Frage: 'Glauben Sie, es ist ok, wenn Lehrer einen Schüler schlagen? Die Länder mit hohen Zustimmungsraten, von 55% abwärts gingen an die Republikaner.“

Gut, sagt Katharina, also handelt das Buch davon, wie Erziehung, autoritäre Erziehung, in der ganzen Welt, zu autoritären, gewalttätigen Strukturen führen kann.

Ja, sage ich und fahre fort:

In China z.B. dominiert in den „neuen urbanen Mittelschichten eine auf extreme Auslese und kognitive Bildungsziele gerichtete Beschleunigungserziehung, die Kindheiten sind bis in den letzten Winkel organisiert, überwacht und pädagogisch optimiert.... In der Schule herrscht ausgeprägter Leistungsdruck, oft wird Beschämung als Druckmittel eingesetzt.“ Da steht ein Beispiel, ein Video zeigt, wie ein Kind, das etwas falsch gemacht hat, vor der ganzen Klasse vorgeführt wird, weint, und sich entschuldigen muss.

Das gab es in meiner Grundschule früher auch, meine Lehrerin hat das Diktat eines Schülers, die falschen Wörter, an die Tafel geschrieben und er stand vorne und sollte sich schämen.“

„Furchtbar“ sagt Sorge, und die Jungen bekamen Stockschläge auf die Hände, wenn sie frech waren, da hat keiner der Eltern sich beschwert. “

Im Gegenteil, dazu wurden die Lehrer*innen sogar ermutigt.

Ich lese weiter.

Ein Teil der Kindheiten in China kann mit ihrer Verengung auf rein kognitive Bildungsziele nur als tiefgreifend autoritär bezeichnet werden.“

Emotionale Unsicherheit und Vernachlässigung kommen in anderen Schichten hinzu...


Und in anderen Ländern, selbst im Westen, Frankreich z.B. sieht es auch nicht viel besser aus.


Das hört sich alles ziemlich deprimierend an, sagt Katharina,.

… Gibt es denn Lichtblicke?

Ja, Zitat „Wir haben in Deutschland allen Grund, optimistisch zu sein...In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Familien in Deutschland viel Rückenwind gehabt. Der damit verbundene fürsorglichere Umgang mit den Kindern macht den Neuen Rechten jetzt tatsächlich zu schaffen. Die AfD schildert ihr Problem selbst: Es fehlt der politische Nachwuchs. Es fehlen aber auch die Frauen. In den meisten Bundesländern stimmten nicht einmal sieben Prozent der Frauen für die AfD – damit wird man keine Gesellschaft umbauen können.

Man könnte es auch so sagen: Ja, wir haben in Deutschland ein Rechtspopulismusproblem – aber wir haben auch einen wunderbaren Schutz. Den effektivsten und einzig nachhaltigen, den es gibt: Kindheitsressourcen. Wir haben in den 'guten Jahren' einfach zu viel menschliches Land gewonnen.“

Das klingt nach Hoffnung, murmelt Sorge.

Ja, man denke nur an die „Fridays for Future Bewegung“ mit überwiegend jungen Leuten, ergänzt Katharina.

..., und zum Schluss des Buches geht es noch darum, wo wir eigentlich hin wollen

Das, was ich in diesem Buch beschrieben habe, läuft auf ein tieferes Dilemma hinaus: Das Problem Rechtspopulismus läßt sich weder politisch noch ökonomisch noch technisch 'lösen'. Keine der Fähigkeiten und Ressourcen, die ich als Schutzfaktor gegen die Verlockungen des Autoritarismus identifiziert habe, läßt sich auf einem dieser Wege heraus bilden: nicht das Gefühl von Zugehörigkeit, nicht das Gefühl von Sicherheit, nicht das Gefühl von Anerkennung.

Was jetzt zu tun ist, hat unmittelbar mit uns selbst zu tun. Wie wir leben. Wie wir Beziehungen gestalten. Vor allem aber: Wie wir diejenigen von klein auf behandeln, die von uns abhängig sind: unsere Kinder.

Die „Bildung“, die wir in unserer heutigen Situation brauchen, kann nur von unten entstehen – wer will, dass es unter Menschen menschlich zugeht, muss den Menschen eine sichernde, ermutigende Kindheit zugestehen.“

„Und all die Erwachsenen, die das nicht gehabt haben?“

„Schwierig“ sagt Katharina, „wenn sie es selbst erkennen, können sie sich Hilfe holen, in der Therapie, in Selbsthilfegruppen, evtl auch mit Freund*innen..“

„Die, die es nicht reflektieren (können), da weiß man nicht....


„Auf die sichernde, ermutigende Kindheit!

Katharina erhebt ihre Ingwertee Tasse, wie war das noch:

„Sicherheit, Anerkennung...... und...eine Stimme haben!“

. „So ist es“

„Stoßen wir darauf an!“






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